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19.06.2026
Wir haben uns mit unserem Projektleiter Jonas Lange unter anderem darüber unterhalten, was es Neues in SALEM-Ecuador gibt, wie groß die Nachfrage nach Plätzen in unserem Kinder- und Jugendzentrum ist und wie sich die Einrichtung kurz- und langfristig entwickeln soll.
SALEM International: Hallo Jonas, bei euch waren ja gerade Ferien und die Kinder deshalb nicht bei euch. Wie verbringt ihr denn diese Zeit?
Jonas Lange: In dieser Zeit, es sind ca. 2 Monate, bringen wir SALEM auf Vordermann, im Team evaluieren wir das vergangene Jahr und planen das neue. Die Eltern der Kinder treffen sich mit den Pädagogen, um die Entwicklungsberichte ihrer Kinder zu erhalten. Außerdem werden neue Vereinbarungen mit den Familien unterschrieben. Meist veranstalten wir auch ein zweiwöchiges Ferienprogramm für die Kinder mit vielen Ausflügen in die Natur.
Um neue Kinder aufzunehmen, macht unser Sozialarbeiter in der Ferienzeit Interviews mit Familien, die um Unterstützung bitten. Nach einem System, mit dem wir Risikofaktoren der Kinder bewerten und priorisieren, werden dann die Kinder, die neu aufgenommen werden, ausgewählt. Familien, in denen Gewalt vorkommt, haben demnach immer Priorität. Oft sind das trotz unserer Protokolle schwierige Entscheidungen und immer haben wir eine Warteliste. Dieses Jahr kamen außerdem noch mehr Binnenflüchtlinge aus dem Küstentiefland hinzu.
SALEM International: Warum flüchten diese Menschen, v.a. aus den Küstenregionen?
Jonas Lange: Sie fliehen vor den Banden der organisierten Kriminalität. Vor allem im Küstentiefland Ecuadors ist es auch für die Bevölkerung gefährlich. Allein in den ersten vier Monaten 2026 sind hier 205 Minderjährige zwischen die Fronten geraten und ermordet worden. Oft werden Jugendliche von den Banden zwangsrekrutiert, um Drogen zu verkaufen, oder Schlimmeres. Schutzgelderpressung und Entführungen sind an der Tagesordnung. Das alles führt dazu, dass viele Familien aus diesen Regionen flüchten.
Mindo, als eine der weniger betroffenen Regionen, ist eines der Ziele dieser Binnenflüchtlinge. Allein in einer Woche im April besuchten mehr als 10 Familien aus diesen Gründen SALEM, um Unterstützung zu erbitten.
SI: Also steigt bei euch die Nachfrage nach Plätzen für Kinder und Jugendliche?
JL: Ja, sie steigt, aber wir sind an unseren Grenzen, was das Budget, das Personal und die Infrastruktur betrifft. Aufgrund unseres Fokus auf vulnerable Familien sind unsere Kindergruppen vergleichsweise klein.
Unsere Kinder, oft Opfer von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch kommen mit Traumata oder Entwicklungsverzögerungen zu uns und benötigen deshalb eine intensive Begleitung. Im Idealfall betreut ein Mitarbeiter je nach Altersstufe 10 bis 12 Kinder in einer Gruppe. Durch „Notfall“-bedingte Aufnahmen sind sie aber oft größer.
SI: Man liest bei uns ab und zu von Erdbeben in Ecuador. Bekommt ihr in eurer Region davon auch etwas mit?
JL: SALEM liegt mitten in den Anden, einer tektonisch sehr aktiven Zone. Das letzte große Erdbeben gab es vor 10 Jahren. Kleinere Beben spüren wir fast monatlich.
Lange Zeit hat man in Ecuador nicht an erdbebensicheres Bauen gedacht. Das müssen wir ändern. Unsere „Maloka“, die 2024 eingeweiht wurde, entspricht den Anforderungen moderner Erdbebensicherheit. Unsere älteren Gebäude leider noch nicht. Gerade das älteste Rundhaus, das vor über 25 Jahren mit sehr beschränkten finanziellen Mitteln errichtet wurde, kann im Falle eines Erdbebens gefährlich werden. Unser Ziel ist es bis 2030 dieses Haus komplett mit kleineren modernen Neubauten ersetzen zu können.
Für den zweiten Neubau, dem Gruppenhaus für die kleinsten Kinder, haben wir bereits vom Planungs- und Beratungsunternehmen ARUP (https://www.arup.com/de/) das Design und die Baupläne gespendet bekommen. Natürlich soll es wieder gut durchdacht und nachhaltig aus nachwachsenden Rohstoffen wie Bambus gebaut werden.
Die Baukosten werden sich schätzungsweise auf 35.000 Euro belaufen. Das Haus wird übrigens „Casa Guaguas“ heißen. Guagua ist das Wort für Baby oder kleines Kind in der indigenen Sprache Quichua
SI: Was wünschst du dir für die nächsten Jahre für das Kinder- und Jugendzentrum?
JL: Ich wünsche mir, dass SALEM seine Angebote der Nachfrage anpassen kann. Wir brauchen u.a. die Finanzierung für mehr Jugendarbeit. Ein Traum ist das eigene Jugend-Café mit Bäckerei, in dem wir Berufsausbildungen anbieten können und Jugendlichen, sozial schwachen und psychisch kranken Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen.
Die Infrastruktur, die wie vorher beschrieben, am Limit ist, muss weiter verbessert werden, um langfristig hochqualitative Hilfe bieten zu können.
Nicht zuletzt ist es mein Wunsch, dass SALEM-Ecuador bald von der jungen Generation ehemaliger SALEM-Kinder geleitet und weiterentwickelt wird. Zwei von ihnen, Lady und Sebastian, sind schon Fachkräfte im SALEM-Team. Gemeinsam arbeiten wir an ihrer beruflichen Entwicklung.
Das Interview führte Mirjam Klötzer.

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