Mit der Gründung von SALEM erfüllt Gottfried Müller 1957 einen in der Todeszelle während der Kriegsgefangenschaft gefassten Vorsatz, sein weiteres Leben in den Dienst am Nächsten zu stellen. Im Laufe seines langen Lebens wächst SALEM zu einer gemeinnützigen Organisation, die weltweit für den Frieden tätig ist.

10. April 1914
Gottfried Johannes Müller wird in dem kleinen schwäbischen Dorf Gschwend als Zweitältestes von drei weiteren Geschwistern geboren. Sein Vater, Johannes Matthäus Müller, ein gelernter Sattler, ist Gemeindepfleger und unterhält eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Seine Mutter, Katharina Müller, geborene Schurr, ist Hausfrau. Die Vorfahren entstammten aus dem Schwäbischen und waren einfache Handwerker: Bauern, Schuster und Förster.

1920 – 1926
Besuch der Volksschule in Gschwend. Sein Vater kommt schwer verletzt aus dem ersten Weltkrieg nach Hause.

1926 – 1929
Kaufmännische Lehre in dem Lebensmittelkaufladen Kienzle zu Gschwend. Für ein Medizinstudium, gern wäre er Arzt geworden, reichte das Geld nicht.

1930 – 1935
In dieser Zeit arbeitet Gottfried Müller in der kaufmännischen Abteilung der Firma Plouqet in Heidenheim/Brenz und später in Wien als Vertreter von Herrenbekleidung in Österreich und Italien.

1935/36
Gottfried Müllers erste Orientreise
Mit Fahrrad, Freund und 60 Mark reist er auf dem Land- und Schiffsweg in den Orient, besucht Kairo und die Pyramiden, Jerusalem, Bethlehem, Bagdad und dringt weiter vor in das bis dahin verschlossene Reich der Kurden.
1937 erscheint im Verlag Philadelphia Reutlingen sein erstes Buch: “Einbruch ins verschlossene Kurdistan”, die Reiseerzählung der ersten Orientreise.

1937/38
Nach seiner Rückkehr aus dem Orient wird Gottfried Müller zum Militärdienst eingezogen. Sein Einsatzort ist Ulm, dort absolviert er unter anderem eine Ausbildung beim Militär im Reiten und Kutschfahren. Er wird als Leutnant der Reserve entlassen.

1939/40
Kaufmann in Wien. Reiten im Traditions-Regiment “Hoch- und Deutschmeister”. Zwischenzeitlich beginnt der Krieg; er wird eingezogen und dient in Frankreich.
1940 wird sein Bruder Christof in Russland durch eine Granate zerrissen.

1940 – 1942
ist er in Reichenbach/Vogtland stationiert und als Ausbilder für den Russland-Krieg, später speziell für Stalingrad tätig; zwischendurch unterbrochene Ausbildung bei den Heeresfliegern.

1942 – 1948
“Unternehmen Mamut”
Gottfried Müllers zweite Orientreise
Während des Krieges unternimmt er den Versuch, mit den Kurden für die Wehrmacht Ölfelder zu erobern. Sein geheimer Einsatz wird verraten. Mit seinem Freund, dem Kurden Ramzie, fällt er in englisch/irakische Gefangenschaft; Folter, Todesurteil, Flucht.
Diese Ereignisse schildert er in dem spannenden Tatsachenbericht “Im brennenden Orient”, der erstmals 1959 im Eigenverlag und heute in der 3. Auflage erscheint. (Das Buch wird übersetzt und erscheint später auf Englisch, Arabisch, Türkisch und Kurdisch.)

Ein Jahr Todeszelle. Hier denkt er über Leben und Tod nach. Der Grund, warum er SALEM gründen wird.

1948 – 1950
Nach Kriegsende wird er 1947 in das britische Internierungslager Hamburg-Neuengamme und anschließend in das Lager Augsburg verlegt.
1948 wird er entlassen und heiratet im selben Jahr seine Frau Susanne Firgau, die den gemeinsamen Sohn Amadé während des Krieges aufgezogen hat. Der Ehe entstammt auch Sohn Alexander. In dieser Zeit lebt er mit seiner Familie in einer Dachwohnung in Backnang. Er befasst sich mit dem Studium der Volkswirtschaft und arbeitet als Versicherungsvertreter.

1951 – 1954
arbeitet er für Siemens und verkauft Staubsauger. Mit seiner Familie zieht er nach Stuttgart. Doch das geregelte Leben und der Wohlstand können ihn nicht befriedigen.
In ihm werden immer wieder die Bilder seiner Gefangenschaft und Flucht, der Todeszelle und seiner Rettung wach. Damals gelobte er in der Gefangenschaft, Vegetarier und Nichtraucher zu sein. Zudem gab er damals Gott das Versprechen: “Wenn ich hier rauskomme, möchte ich Dir dienen und den Armen helfen”.

1955 – 1957
Mehr und mehr nimmt er Abstand von dem Gedanken, Geld zu verdienen.
Er nimmt Kontakt zu Abram Poljak, einem messianischen Juden, auf. Ihm liegt sehr viel an der Versöhnung der Christen und der Juden. In dieser Zeit organisiert er mit Abram Poljak viele Vorträge in Deutschland, Schweiz, England, Schweden, Dänemark und Finnland.
Er schenkt seinen Besitz zwei alten verkrüppelten jüdischen Frauen.
Die Ehe leidet unter dem sozialen Engagement von Gottfried Müller. Beide gehen getrennte Wege, die Scheidung folgt in den 60er Jahren.

1957
hat er ein einschneidendes Erlebnis. In Stuttgart hört er Obdachlose sagen, dass keiner sich um sie kümmert. Er fragt sie, warum sie denn nicht arbeiten. Die Obdachlosen antworten: “Weil wir obdachlos sind, gibt uns keiner Arbeit. Hätten wir eine Bleibe, bekämen wir auch Arbeit.”
Gottfried Müller verspricht zu helfen.

16. September 1957
Gottfried Müller gründet mit Freunden in Stuttgart-Leonberg die Bruderschaft SALEM, als eingetragenen Verein.
In der Nähe der Leonhardskirche im Stuttgarter Rotlichtbezirk wird eine “SOS-Hilfstelle SALEM” eröffnet, die aus zwei Holzbaracken besteht. Dort können Obdachlose, Strafentlassene, Prostituierte und Arbeitslose eine Unterkunft, warmes Essen und Hilfe bekommen.

1958
In diesem Jahr wird mit Hilfe Gottfried Müllers und unter der Regie von Klaus und Elisabeth Heydenreich das Theater der Altstadt gegründet und gebaut, das noch heute existiert und unter gleichem Namen von der Tochter Susanne Heydenreich fortgeführt wird.
Das ursprüngliche Theater brannte später aus und wurde mit der Hilfe der Stadt Stuttgart in die Unterführung am Charlottenplatz verlegt.

1958/59
In einer Zeit, die mit Anfechtungen und Verleumdungen beginnt, soll eine wertvolle Hilfe zu SALEM kommen – Oberschwester Lotte Rokitta, eine Diakonisse, die im Umgang mit Obdachlosen viel Erfahrung hat.
Sie übernimmt die Verantwortung für das Obdachlosenheim in Stuttgart. So kann Gottfried Müller seiner selbstlosen Vision weiter gerecht werden. Es entstehen weitere Obdachlosenheime in Berlin, Nürnberg, München, Karlsruhe und Frankfurt.

1960
Kauf von Schloss Solms in Baden-Baden, das ein “Haus der Nationen” und eine Verständnis- und Begegnungsstätte werden soll. Doch Mitarbeiter von Gottfried Müller wollen eine politische Arbeit und reichen Klage bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein, angeblich wegen Betrugs von Spendengeldern.

1960 – 1963
Es folgen Jahre der Anklage und Verleumdung. Gottfried Müller wird verhaftet und mit zwei Straßenräubern eingesperrt. Alle Unterlagen werden beschlagnahmt. Dadurch können keine Spenden gesammelt werden und die begonnene SALEM-Arbeit steht vor dem finanziellen Aus. Gottfried Müller ist dem Zusammenbruch nahe. Es folgen Verhandlungen am Landgericht Stuttgart und eine Untersuchung von Gottfried Müller mit Gutachten beim Psychiater. Die Verhandlungen werden gewonnen. Doch nur kurze Zeit später erfolgt der Einspruch durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, und es kommt zum Verhandlungstermin am Bundesgerichtshof.

1964
kommt es zur Verhandlung am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Der dort vertretene Ankläger von Gottfried Müller sagt: “Ich erkenne keine Schuld an diesem Mann”. Freispruch am 7. Juli 1964 für Gottfried Müller und SALEM.
Am gleichen Tag ist die Beerdigung von Abram Poljak in Möttlingen.

1964 – 1966
“Warum werden so viele Strafentlassene wieder straffällig?” Das fragt sich Gottfried Müller in dieser Zeit. Und immer wieder, wenn er Strafentlassene fragt, warum sie das tun, bekommt er zu hören: “Wir hatten keine glückliche Kindheit, kein glückliches Elternhaus.”
Für Gottfried Müller bedeutet das: SALEM-Kinderheime zu gründen, um der Ursache zu begegnen. So beginnt der Aufbau von SALEM-Kinderhäusern in Neukeferloh, Starnberg, Wartaweil, Pasing, Königsdorf, Fürth in Bayern, Postbauer bei Nürnberg und Königshofen. Gottfried Müller reist von einer Stadt zur anderen.

1966 – 1968
Um die Arbeit im Bundesgebiet besser zu koordinieren, wird in München in der Implerstraße ein SALEM-Büro eröffnet; von dort aus leitet Gottfried Müller SALEM.
1968 wird die Bruderschaft SALEM in eine gemeinnützige GmbH umstrukturiert, um dem größer werdenden SALEM-Gedanken Rechnung zu tragen.

1969
erfolgt die Verlegung aller bisherigen SALEM-Kinderheime nach Stadtsteinach in Nordbayern. Hier im Frankenwald hat SALEM ein Gelände und leer stehende Gebäude von der Post erworben und kann nun den Gedanken eines SALEM-Kinderdorfes verwirklichen.

1969 – 2006
In dieser Zeit wirkt Gottfried Müller von SALEM-Stadtsteinach aus in vielen Ländern der Welt. Er bewältigt täglich ungeheure Mengen an Korrespondenz und reist in viele Länder, um den Friedensgedanken von SALEM weiter zu tragen. Mehrere Reisen führen ihn nach Israel, wo unter seiner Bemühung die die Orr Shalom Kinderhäuser für jüdische und arabische Kinder entstehen.

1973
heiratet Gottfried Müller Ursula Schweizer aus Backnang, die bereits seit 1963 als gelernte Kinderkrankenschwester bei SALEM tätig ist. Aus seiner zweiten Ehe gehen die beiden Söhne Samuel und Nathan hervor.

Ein großes Anliegen sind Gottfried Müller die Reisen nach Afrika, in Länder wie Uganda, Somalia, Namibia und Togo. Aber auch USA, Kolumbien, fast ganz Europa, Taiwan und Russland stehen auf seiner Reiseliste. Seine letzten Reisen führen ihn noch mit 84 Jahren nach Togo/Westafrika und mit 89 Jahren nach Kaliningrad/Königsberg in Russland in das ehemalige Gebiet Ostpreußen.

2009
Gottfried Müller stirbt am 26. September 2009 in Stadtsteinach im Kreise seiner Familie.
Zur Fortführung seines Engagements für den Frieden weltweit wird die SALEM-Stiftung errichtet.



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